Fragmente einer Sprache der Liebe – oder: Schnappschüsse aus den ersten dreißig Tagen im Leben eines neues Buches

Autorenbeitrag: Moritz Hildt

Es beginnt, wie es immer beginnt: mit dem Warten. Erst ist es eine Frage von Wochen, dann von Tagen, schließlich von Stunden und Minuten – und weder Sendungsverfolungsnummer noch Live-Zustellung, ja nicht einmal die Wiederlektüre von Roland Barthes, der so klug bemerkt: „Verliebt ist derjenige, der wartet“, ändern was daran, wie es sich anfühlt: Da ist die ungeduldige Vorfreude, das neue Buch bald zum ersten Mal in den eigenen Händen zu halten. Die erschöpfte Gelöstheit, dass im gedruckten Exemplar nun all die Arbeit ihren Endpunkt findet, von der ersten, noch ganz vagen Idee bis hin zur letzten Korrektur in den Druckfahnen. Aber, Hand aufs Herz: auch eine mit Neugier gemischte Bangigkeit – darüber, wie die Geschichte gelesen werden wird, und auch darüber, welche Beziehung ich selbst zu dem Buch haben werde. Denn das gedruckte Buch ist auch für mich als Autor wie eine neue Person, die ich erst kennen-, bestenfalls auch liebenlernen werde.

Eine gute Woche später, im Zug auf dem Weg nach Stuttgart: Am Abend findet dort, im Schriftstellerhaus, die Buchpräsentation statt. Und ich widme mich einer der mir liebsten Tätigkeiten nach der Veröffentlichung eines Buches: Es zu durchblättern, auf der Suche nach Passagen, die sich für die Lesung eignen – Szenen, die eine gewisse Geschlossenheit haben, dabei zugleich etwas Wichtiges über die Figur erzählen. Passagen, mit denen sich ein Bogen spannen lässt, um die Konturen der Romanhandlung und ihrer Grundfragen deutlich werden zu lassen, ohne dabei zu viel zu verraten. Abschnitte mit einer gewissen Pointierung, im glücklichsten Fall mit einem (sanften) Cliffhanger am Ende. Und wie bei seinen Vorgängern geht es mir auch beim Mediator: Ich sehe ein, dass es nicht unbedingt die mir liebsten Szenen sind, die sich für eine Lesung eignen, ja dass sogar manche der mir besonders wichtigen Passagen es wohl nie auf die Bühne schaffen werden.
Später dann am Abend: der erste Applaus für das Buch, den ich wie immer stehend entgegennehme. Die erste Dusche im Geprassel klatschender Hände ist eine der wohltuendsten und für einen Moment schließe ich die Augen, bin ganz bei mir und meinen Empfindungen: ein süßer Genuss, eine tiefe Freude, Dankbarkeit und ein Gefühl der Komplizenschaft mit dem Buch – immerhin ist uns eben unser erster gemeinsamer Coup gelungen.

In den nächsten Wochen folgen die Anfragen und das Planen, Gespräche mit Journalist*innen und Veranstaltenden. Die Bandbreite der Rückmeldungen ist riesig und die Devise lautet, sich nie den Wind aus den Segeln nehmen zu lassen. Und wie um dies zu bestätigen, folgt auf ein zähes Telefonat – das ein rasches Ende findet, als ich es wage, die Nachfrage „Ach, wollen Sie etwa für Ihre Lesung ein Honorar haben?“ zu bejahen – kaum eine Stunde später eine überraschende Einladung, die ein mehr als nur faires Honorar anbietet, noch dazu die Übernahme der Anreise- und Hotelkosten.

Und was auch beginnt: Die ersten Gespräche, in denen mir Menschen von ihren Leseeindrücken erzählen. Auf einige dieser Unterhaltungen bin ich vorbereitet, andere finden spontan statt. Plötzlich hat eine Buchhändlerin den ganzen Roman innerhalb weniger Tage gelesen und wir unterhalten uns eine geschlagene Stunde bei ihr im Laden und stellen dabei fest, dass unsere jeweilige persönliche Heldin des Romangeschehens dieselbe Nebenfigur ist.
Aber nicht nur solche Übereinstimmungen sind spannend, auch die Divergenzen: die Empörung, die manche beim Lesen gegenüber einer Figur und ihrem Tun empfinden, die Sympathien und Antipathien, die Einschätzungen und Bewertungen, und, ganz besonders: die persönlichen Bezüge, die manche in meinem Roman zu ihrem eigenen Leben entdecken. Es ist für mich nach wie vor eines der größten und zugleich faszinierendsten Mysterien des Schreibens: dass die Geschichten, wenn sie einmal fertig sind, stets klüger sind als ihre Autoren, da sich in ihnen weit mehr entdecken lässt als die Autoren beabsichtigt haben.

Nach einem dieser Gespräche gehe ich in der nicht mehr ganz so warmen Oktobersonne am graugrünen Inn entlang nach Hause. Das Laub raschelt gemütlich beim Gehen und nur wenige Kastanien sind den Kinderhänden entwischt und liegen noch zwischen den welken Blättern auf dem Boden. All diese Dinge – die Gedanken, die Planungen, die Begegnungen und die Auftritte – schärfen meinen eigenen Blick auf den neuen Roman und lassen ihn konkreter werden. Und einmal mehr reift in mir die Einsicht, dass es uns mit unseren eigenen Büchern nicht anders geht als mit den Menschen: wir verlieben uns in jeden auf eine ganz eigene, immer wieder neue und einzigartige Weise.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert