Nobelpreis für zwei Genforscherinnen: ein Grund zur Freude?

Autorin: Birgit Rabisch

 

Als am 7.10.2020 der Nobelpreis für Chemie bekannt gegeben wurde, habe ich aufgehorcht: Die beiden ausgezeichneten Forscherinnen Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna sind mir seit Jahren ein Begriff. Nicht, weil ich mich sonderlich für Chemie interessiere, sondern weil ich seit den Siebzigerjahren die Entwicklungen in der Gentechnologie verfolge. Charpentier und Doudna haben mit der Entwicklung der Genschere CRISPR/Cas9 für einen Riesenschritt auf diesem Gebiet gesorgt. Ohne hier näher auf Einzelheiten einzugehen: Mit dieser Genschere kann man gezielt ein einzelnes Gen aus der DNA herausschneiden und es durch ein anderes ersetzen. Und mit diesem sogenannten Genome Editing kann man die Erbsubstanz bei Pflanzen, Tieren und Menschen verändern. Ich glaube, es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, welche ungeheure Möglichkeiten sich dadurch eröffnen.

 

Ich möchte mich hier nur mit der Bedeutung des Genome Editing für den Menschen befassen. Es gibt eine helle, Heilung versprechende Seite und eine dunkle, gefährliche.

 

Die helle Seite:

Das ist die somatische Seite. Man kann bei einem Menschen in den Zellen bzw. Stammzellen ein krankmachendes Gen durch ein gesundes ersetzen und so seine genetisch bedingte Krankheit kurieren. Gelungen ist das z. B. bereits bei einzelnen Patienten mit Sichelzellanämie. Weltweit wird jedoch mit Hochdruck an der Heilung vieler, auch weit verbreiteter Krankheiten wie z. B. Alzheimer, HIV und Krebs geforscht. Sollte sich auch nur ein Teil der in die Genschere CRISPR/Cas9 gesetzten Hoffnungen erfüllen, wäre das m. E. ein großartiger Fortschritt und absolut begrüßenswert.

 

Die dunkle Seite:

Man könnte aber auch in die Keimzellen eingreifen! Jede dort vorgenommene Veränderung würde sich in jeder weiteren Generation fortpflanzen. Und diesen sogenannten Keimbahn-Eingriff hat es bereits gegeben: Am 26.11.2018 verkündete der chinesische Forscher He Jiankui die Geburt der sogenannten CRISPR-Zwillinge. Laut seinen Angaben habe er bei ihnen im Embryonalstadium ein Gen durch ein anderes ersetzt, das angeblich vor einer Infektion mit HIV schützt. Die Wissenschaftsgemeinde war allgemein empört über diesen Menschenversuch und He Jiankui wurde mittlerweile zu drei Jahren Haft und einer Geldstrafe verurteilt. Man kann in diesem Fall ebenso wenig wie in zukünftigen ausschließen, dass außer der gewünschten Eigenschaft (selbst die ist in diesem Fall fraglich) auch schädliche oder sogar lebensbedrohliche mitgegeben werden. Im März 2019 beschlossen führende Genforscher*innen aus sieben Ländern, darunter auch Charpentier, ein freiwilliges Moratorium für Eingriffe in die menschliche Keimbahn. Während dieser Zeit sollen die wissenschaftlichen, aber auch die gesellschaftlichen, ethischen und moralischen Fragen dieser Eingriffe möglichst breit diskutiert werden. Jennifer Doudna schrieb in ihrem Buch „Eingriff in die Evolution“:

„Die Fähigkeit, das Genom des Menschen umzugestalten, verleiht wirklich eine unglaubliche Macht, die verheerende Folgen haben kann, wenn sie in die falschen Hände gerät.“

Charpentier und Doudna sind sich also sehr bewusst, dass ihre Entdeckung ein großes positives Potenzial enthält, nämlich die Heilung von Krankheiten bereits existierender Menschen, aber auch ein negatives, ja bedrohliches Potenzial: den Eingriff in die Keimbahn, der nicht abschätzbare Risiken birgt und zur Umgestaltung des Menschen führen wird, zur vermeintlichen Optimierung nach den jeweiligen Wertmaßstäben des Zeitgeistes und der Gesellschaften, in denen er vorgenommen wird. Am Ende steht die Erschaffung einer neuen Spezies.

Nun gibt es Stimmen, die sich für einen Eingriff in die Keimbahn des Menschen aussprechen mit dem Argument, damit könne man schwere Erbkrankheiten heilen. Doch man sollte sich vor Augen führen, dass es genau darum nur bei der somatischen Therapie geht, der hellen Seite, also einer Therapie an existierenden kranken Menschen. Beim Eingriff in die Keimbahn steht auf der einen Seite der Wunsch weniger, genetisch belasteter Paare nach einem eigenen, genetisch gesunden Kind und auf der anderen Seite steht ein Menschenexperiment mit einem nicht einschätzbaren Schadenspotenzial für Generationen, nicht nur in medizinischer Hinsicht, sondern auch für das Selbstverständnis und die Würde eines designten Kindes und für Diskriminierungen, die undesignte Menschen zu erwarten hätten und vieles mehr.

Dies sind einige wenige Gedanken, zu denen mich der Nobelpreis an Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna angeregt hat. Eine fundierte und detaillierte Auseinandersetzung findet sich in einem Buch, das ich allen sehr empfehlen kann, die sich intensiver mit der Problematik auseinandersetzen möchten:

„Annika Hardt: Technikfolgenabschätzung des CRISPR/Cas-Systems, Über die Anwendung in der menschlichen Keimbahn“

Am Ende ihrer Abwägung aller bisher vorgebrachten Argumente pro und contra kommt Dr. Annika Hardt zu einer eindeutigen Schlussfolgerung:

„Das Ergebnis dieser Technikfolgenabschätzung rechtfertigt ein weiterhin aufrecht zu erhaltendes Verbot der Keimbahntherapie ebenso wie ihrer Erforschung.“

 

 

Birgit Rabisch veröffentlichte bei duotincta zwei Romane, die sich mit der Genproblematik auseinandersetzen: Duplik Jonas 7 und Unter Markenmenschen.

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