Schreib doch mal über die Liebe

Darf man als Schriftstellerin hoffnungslos unromantisch sein?

 

Romantische Liebe ist überall, selbst in meinen Romanen. In Letzte Runde verzehrt sich Laszlo nach der schönen Maria, in Morgengrauen sucht Agnes in ihren Erinnerungen nach der großen Liebe. Romantik bleibt dabei immer Nebendarsteller der Vergangenheit, die Liebenden treffen nie im Hier und Jetzt aufeinander, ein klassisches Happy End bleibt aus.

„Love’s the funeral of hearts“, heißt es in einem meiner Lieblingssongs von 2003. Damals war ich noch ein Fan von dramatischen Gitarrensounds und schweren Texten. Gerade ist „Dance Monkey“ von Tones & I mein Favorit.

Wie kann man so Mainstream sein und sich dennoch weiterhin hartnäckig der wahren Liebe als Topos seines Schreibens verweigern?

Die Liebe als konstruierte Illusion

Romantik steht für aufopfernde Liebe, wahre Gefühle und erstrebenswertes Glück. Romantische Liebe ist die Triebfeder des Menschen, ein hohes Gut, das eine Daseinsberechtigung jenseits der Literatur hat.

„Es gibt schlimmeres Leid, als zu lieben.“ Dieses wunderschön klingende Zitat hat mir einer meiner Liebhaber als Widmung in einen der besten Romane aller Zeiten, The Ministry of utmost Happiness, geschrieben. Er wählte Urdu, die Originalsprache des Verses, weshalb ich erst Wochen später hinter die Bedeutung der unbekannten Schriftzeichen kam.

Zeitgleich mit der Entschlüsselung bemerkte ich das schwindende Interesse beiderseits. Aus der Magie des Moments wurde Schweigen. Wir halten sporadisch Kontakt, wirklich Spaß macht das nicht. Aber unser erster Kuss im Schnee auf der Brücke war unfassbar romantisch, wer würde nicht gern daran festhalten? Und schließlich versichert er mir zwischen den langen Phasen der Missachtung immer aufrichtig, wie sehr er mich schätzt.

„Ich liebe dich“ kann alles oder nichts bedeuten, „Ich liebe dich“ kann sich abnutzen. Ich bin Schriftstellerin, ich bringe Menschen mit Worten zum Lachen und zum Weinen. Ich weiß, dass Wort und Wahrheit nicht immer gleichzusetzen sind. Dennoch falle ich oft genug darauf rein.

Die romantische Liebe äußert sich in gesellschaftlich konstruierten Liebesschwüren, einer Abfolge einstudierter Verhaltensmuster und überschwänglichen Gesten, die man auf Instagram vermarkten kann – selten in einer echten Verbesserung der Lebenswirklichkeit.

Den vorzeigbaren Ehering am Finger, aber er hilft nicht mit den Kindern, sie kommt immer verdächtig spät nach Hause, er ist ständig müde. In Beziehungen gibt es so viel Frust, so viel Enttäuschung, und doch versichern wir uns alle gegenseitig, dass es gut ist. Es geht um Hingabe und Sicherheit, um echte Gefühle und Perspektive. Eine Frau möchte schließlich erobert, ein Mann umsorgt werden. Und wenn einer der beiden aus der Rolle fällt, dann gibt es Rosen und ein aufwändiges Abendmahl. Das macht nicht alles wieder gut, aber erträglicher. Zumindest ist man nicht allein.

Früher dachte ich, Männer müssten und könnten einen Zweck in meinem Leben erfüllen. Heute bin ich froh, wenn sie keinen Schaden anrichten. Gibt es wirklich kein größeres Leid, als zu lieben?

Die große Liebe

Man darf als Schriftsteller sicherlich unromantisch sein, vielleicht muss man es als Schriftstellerin sogar sein. Die große Epoche der Romantik ist vorbei, die Gesellschaft hat sich geändert. Romantische Gefühle sind längst nicht mehr für jeden erstrebenswert und viel zu oft sind es die Frauen, die mit kitschigen Versatzstücken der Liebe abgespeist statt mit Beziehungen auf Augenhöhe befriedigt werden.

Mit meinem Exfreund wurde ich erst glücklich, als wir uns trennten. Er ist ein großartiger Mensch, ich liebe ihn über alles. Aber ich möchte nie wieder seine Frau sein. Wir haben beide unter der Last der romantischen Liebe gelitten, individuell und als Paar. Jahrelang haben wir einen Zweck erfüllt, unsere Rollen gespielt und das Einzigartige verloren, das uns ursprünglich verbunden hat. Wir hatten das große Glück, die Liebe füreinander jenseits unserer romantischen Beziehung wiederzufinden. Er verbringt den Valentinstag mit seiner neuen Freundin. Und ich bin froh, dass ich mir heute endlich selbst genüge.

Wird es also im dritten Roman endlich eine echte Liebesgeschichte geben? Vermutlich ja, nämlich einmal mehr die der Hauptfigur zu sich selbst.

 

Autorin: Stefanie Schleemilch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.