Sehnsucht in Sangerhausen

Beitrag der duotincta-Autorin Kathrin Wildenberger

 

In seinem neuen Film zeichnet Julian Radlmeier ein poetisch verspieltes Bild meiner Geburtsstadt Sangerhausen.

 

Ein nasskalter Novemberabend in Leipzig, kurz vorm ersten Advent.
In den Passagekinos hatte der Film „Sehnsucht in Sangerhausen“ Leipzig-Premiere. Zu Gast war Julian Radlmeier, Drehbuchautor und Regisseur, in Nürnberg geboren, seit langem in Berlin lebend.
Zufällig sei er in der Gegend gewesen und auf den ersten Blick habe er sich verliebt, in die kleine Stadt der Rosen und des Bergbaus, gestand Radlmeier im Publikumsgespräch.
Er fragte, wie viele Zuschauer aus Sangerhausen kämen. Einige Arme hoben sich, ein paar ältere Menschen, viele jüngere. „Ihr seid überall“, freute sich der Regisseur. Auch am Lago Maggiore, wo der Film im Spätsommer beim Locarno Film Festival gezeigt wurde, wäre er Sangerhäusern begegnet.
Kurz darauf begaben wir uns auf eine atmosphärische Reise in eine mitteldeutsche Kleinstadt.

Alles beginnt im Jahr 1790. Die 19jährige Lotte ist auf einem nahe der Stadt gelegenen Schloss damit beschäftigt, den Nachttopf des Romantik-Dichters Novalis zu leeren und träumt davon, nach Frankreich auszuwandern, in die Freiheit.
Sie ist Vorfahrin von Ursula, die im Sangerhausen der Gegenwart jung Mutter geworden ist und von sich sagt, sie habe eigentlich gar kein Leben, zumindest keines, von dem sie mehr erzählen könnte. Bis sie sich verliebt, für einen Abend, in eine Berliner Musikerin, die zum Sangerhäuser Kultursommer angereist ist.
Sung-Nam ist Touristenführer und bietet mit seinem blauen Kleinbus Überraschungsfahrten in die Umgebung an. Er stammt eigentlich aus der Mongolei und kümmert sich um einen kleinen Jungen, den er seinen Enkel nennt.
Neda, eine iranische Filmemacherin im Exil, möchte als Influencerin günstig zu bereisende Orte bekannt machen. Sie begegnet in Sangerhausen zufällig einer Frau aus dem Iran wieder, die als Straßenkehrerin arbeitet und mit der sie eine ambivalente Bekanntschaft verbindet.
Die Einheimischen reagieren eher unterkühlt und skeptisch auf die Fremden in ihrer Stadt. Neda bekommt in einem Souvenirgeschäft gesagt, dass sie entweder etwas kaufen oder gehen solle, denn in Deutschland bekomme man nicht alles umsonst. Sung-Nam wird von seinen Nachbarn „der Chinese“ genannt, seine eigentliche Geschichte scheint niemand zu kennen. Aber auch die Sangerhäuserin Ursula muss sich als Kellnerin im Café des Rosariums anzügliche Bemerkungen anhören. Die Herren haben einen unüberhörbaren bayerischen Dialekt.
Dennoch – alle versuchen trotz prekärer und schwieriger Lebenslagen das Beste aus ihrem Dasein zu machen. Als Ursula, Sung-Nam und Neda in der Barbarossa-Höhle nahe dem Kyffhäuser-Denkmals aufeinandertreffen und ihnen dort Lottes Geist erscheint, finden sie als Gemeinschaft zusammen.
All das geschieht in nostalgisch anmutenden Bildern, zu denen sich Radlmeier von alten DEFA-Filmen inspirieren ließ.
Manches erkannte ich wieder: das wie ein mediterraner Garten anmutende Europa-Rosarium mit dem belebten Café, den Marktplatz mit dem Ratskeller. Die steilen Straßen. Und natürlich die Abraumhalde, Hohe Linde genannt. Noch nie habe ich eine dieser Hinterlassenschaften des Kupferschiefer-Bergbaus erstiegen, die die Landschaft des Mansfelder Landes wie graue Pyramiden bevölkern. Den Film schauend, konnte ich nun zum ersten Mal vom Gipfel der Hohen Linde einen Blick in die bunte Landschaft werfen.
Der Film wird als Komödie beworben, auf mich wirkte er mitunter bedrückend. Selbst an sonnigen Spätsommertagen sind die Straßen der kleinen Stadt menschenleer, das Kino wird, frisch renoviert und mit einer bonbonfarbenen Popcornmaschine bestückt, von Geistern bewohnt, die diesen von Sagen und Mythen geprägten Landstrich seit jeher besiedeln.
Nicht zuletzt auch das mit Polstermöbeln vollgestellte und doch verlassen wirkende Möbelhaus, in dem Ursula als Reinigungskraft arbeitet. Es ist ihr Zweitjob, um die Ausbildung ihrer Tochter in Halle/Saale zu finanzieren.
Dennoch – Novalis und der Geist der Romantik, die blaue Blume, die im Film symbolisch zu einem blauen Stein wird, die Kamele und Pudel, die überraschend auftauchen, die reifen Kirschen, von allen Filmfiguren geliebt, die Rosen, immer wieder die Rosen und nicht zuletzt die über allem stehende Hohe Linde, immer da und immer anders, je nach Licht, Tageszeit, Stimmung. Dieser Film feiert den Spätsommer und ist übervoll mit berückenden, weichgezeichneten Bildern.

Julian Radlmeier gelingt es, einen an Naturschönheit und Geschichte reichen und dennoch unterschätzten Landstrich auf eine völlig neue Weise zu zeigen. „Sehnsucht in Sangerhausen“ ist episodisch erzählt, Vergangenheit und Gegenwart sind gelungen miteinander verwoben. Als Zuschauerin oder Zuschauer lässt man sich auf eine anspruchsvolle und bisweilen skurrile Handlung ein, zum Teil hat man Mühe, nicht den Faden zu verlieren. Dennoch ist dieses Filmerlebnis ein bleibendes.
Berührt war ich vor allem von der Figur der Ursula, überzeugend gespielt von Clara Schwinning.
Gefühlt kein Leben zu haben – wie viele, die nach 1989 in der Gegend geblieben sind, könnten das von sich sagen? Der harte Alltag verdrängt Träume und Sehnsüchte. Freizeit bedeutet, erschöpft zu Hause auf dem Sofa zu liegen und abends für die Familie zu kochen – erst eine Frau aus Berlin vermag Ursula zu berühren, ihre Sehnsüchte zu wecken, für einen einzigen, zauberhaften Abend.

Ich habe Sangerhausen 1991 verlassen, bin seither nur als Besucherin zurückgekehrt. Fragt mich jemand nach meiner Heimat, nenne ich Leipzig, die Stadt, in der ich seit fast zwanzig Jahren lebe. Und so ist auch mein Blick der einer Außenstehenden.
Nicht zum ersten Mal fragte ich mich: Wie wäre alles gekommen, wäre ich in Sangerhausen geblieben? Ich habe mich weggesehnt, bin weggegangen und weggeblieben, eine Entscheidung, ambivalent, wie vieles im Leben. Die Schuldgefühle, die gerade in den ersten Jahren immer wieder in mir aufkamen, gehörten dazu.
Auch Ania Hochlinger, die Hauptfigur meiner „Montagsnächte“-Trilogie, ist hier geboren und aufgewachsen, auch sie hat die Stadt, im Roman S. genannt, als junge Frau verlassen und sich im Laufe der Jahre immer wieder gefragt, wie ihr Leben verlaufen wäre, wäre sie geblieben, in einer Stadt, die ein Ort vieler Sehnsüchte zu sein scheint, doch selbst kein Sehnsuchtsort ist.
Das Sangerhäuser Kino war zu den Premierenvorstellungen von „Sehnsucht in Sangerhausen“ ausverkauft. Über sechshundert Menschen hätten die Vorstellungen des Films bisher besucht, so Radlmeier. Er sprach auch von den Sangerhäusern, die sich auf sein Inserat hin als Mitwirkende bei den Filmarbeiten gemeldet hätten, die offen gewesen seien, interessiert, begeistert.
Durch Radlmeiers Blick bekommt Sangerhausen ein fast magisch-märchenhaftes Gesicht. Die unübersehbaren Probleme erscheinen für neunzig Minuten etwas weicher gezeichnet, das Zueinanderfinden der Filmfiguren hat etwas Schwereloses. Und all das in Zeiten, in denen der Osten Deutschlands zusehends verlassener, verkrusteter und fest in „blauer“ Hand erscheint.
Blau sind hier nur der Spätsommerhimmel, die Steine, die von Hand zu Hand durch alle Zeiten wandern und der Kleinbus von Sung-Nam.
Ein Film, der die Poesie im Alltag einer mitteldeutschen Kleinstadt entdeckt.
Ich wünsche mir mehr, viel mehr davon.

 

 

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