Voll das Leben

Bild: C/O Berlin / Harald Hauswald

 

Reparaturen sämtlicher Systeme

Autorin: Kathrin Wildenberger

 

Der 3. Oktober 2020 ist ein sonniger Spätsommertag. Ich sitze, erfüllt von Vorfreude, im ICE auf dem Weg nach Berlin. Schon vor Wochen habe ich eines der begehrten Tickets für den Besuch der Ausstellung „Voll das Leben“ des Ostkreuz-Fotografen Harald Hauswald in der C/O Galerie erstanden. Welcher Tag wäre dafür besser geeignet als der Feiertag heute?

Baustellenbedingt zuckelt der Zug gemächlich durch die sachsen-anhaltinische Landschaft. Draußen werkeln die Menschen in ihren Kleingärten, warten vor der Ampel, halten einen Schwatz vor der Bahnschranke. Alltag an einem spätsommerlichen Wochenende. Voll das Leben. Und doch ist heute kein normaler Samstag. Vor dreißig Jahren trat die DDR laut Artikel 23 Grundgesetz der Bundesrepublik bei. Nach einem wilden Jahr der Umbrüche und Veränderungen war Deutschland wiedervereinigt.

Sicherlich könnten viele der Menschen da draußen, auf diesen Tag heute angesprochen, ihre ganz eigene Geschichte erzählen. Allerdings nur die älteren. Dreißig Jahre sind eine lange Zeit.

Der Zug ist voll, zu voll für mein Gefühl, das sich den Zeiten angepasst hat, die von Vorsicht und der Furcht, sich mit dem SARS-CoV-2-Virus zu infizieren, geprägt sind. Um mich herum sitzen vor allem junge Leute, sie sprechen spanisch, englisch, russisch. Dass der Berliner Hauptbahnhof, der frühere Lehrter Stadtbahnhof, zu Zeiten der Teilung der Stadt ein Schattendasein als letzter S-Bahnhof im Westteil der Stadt fristete und der Endbahnhof der heutigen Reise, Berlin-Gesundbrunnen, mitten im ehemaligen Grenzbereich lag, ist inzwischen Geschichte.

Dreißig Jahre sind eine lange Zeit.

Nebenan wird es plötzlich laut. Der Zugbegleiter diskutiert mit einem Mann mittleren Alters am Tisch schräg gegenüber, der als einziger im Großraumwagen sein Gesicht zeigt. Auch nachdem der Zugbegleiter seine Personalien aufgenommen und ihn gebeten hat, am nächsten Bahnhof auszusteigen, setzt der Mann keine Maske auf. Dass alle anderen Gesichter hier bis zu den Augen verhüllt sind, scheint ihn nicht zu stören. Sieht er sich als Widerständler? Ist er einer der Querdenker? Oder einfach nur aus einer Laune heraus anderer Meinung? Das Verbindende der Situation scheint er nicht zu erkennen. Hier, in der Angst vor dem Virus, im Widerstand gegen die Ansteckung sind wir alle gleich. Wir sind wieder unfrei, doch diesmal betrifft es nicht nur die DDR und Osteuropa, es betrifft die ganze Welt, und wir alle sind in der Sorge um unsere Gesundheit miteinander verbunden. Der Zug hält in Lutherstadt Wittenberg, der Mann ohne Maske steigt aus, zwei Polizisten warten am Bahnsteig. Wegen ihm? Ich erfahre es nicht, denn der Zug fährt gleich weiter.

Immer wieder taucht in den Medien die Frage auf, ob die Ostdeutschen die Corona-Krise gelassener nehmen würden als die Westdeutschen, weil sie mehr Erfahrung mit gesellschaftlichen Umbrüchen hätten. Ich habe keine Antwort darauf, denke, dass vielen der Nicht-Masken-Träger das Ausmaß der Situation, in der wir uns im Moment befinden, nicht bewusst ist, ganz gleich, ob es Ost- oder Westdeutsche sind. Das Virus ist unsichtbar, es lauert im Verborgenen, es lebt von unserem Bedürfnis nach Gemeinschaft und Nähe. Darin liegt seine Heimtücke. Die Gefahr ist abstrakt, nicht zu greifen, die Normalität, in der wir gerade leben, eher trügerisch. Auch im Wendejahr 1989/1990 dauerte es lange, bis die großen politischen Veränderungen im Alltag der Menschen in der DDR spürbar waren. Für die allermeisten ging das normale Leben erstmal weiter: Leben, Lieben, Lachen, Schule, Arbeit, Familie – der ewig gleiche Tagesablauf.

Erst allmählich öffneten die ersten Verkaufsstände mit Westwaren und D-Mark-Preisen, wurden Busreisen angeboten; der Wahlkampf für die freien Wahlen zur Volkskammer begann, die Währungsunion kam, schließlich für viele die Arbeitslosigkeit aber auch eine Vielzahl neuer Perspektiven.

Ich denke an eine langjährige Freundin, die die Harald Hauswald-Ausstellung schon gesehen und mir empfohlen hat. Sie ist vor zehn Jahren von Hamburg nach Leipzig gezogen, wir sind im gleichen Alter, sie wuchs im niedersächsischen Alten Land auf, ich im sachsen-anhaltinischen Südharz.

Auch wenn sie sich sehr für die DDR und meine Zeit dort interessiert, hat der Tag heute für sie sicherlich vor allem die Besonderheit, dass sie ihre Samstagseinkäufe nicht wie gewohnt erledigen kann. In ihrem Leben hat sich vor dreißig Jahren nichts verändert.

Beim Besuch der Ausstellung haben sie vor allem die neben den Fotos gezeigten Auszüge aus den Stasi-Opfer-Akten Harald Hauswalds beeindruckt. Der Chronist der späten DDR und seine Familie seien nahezu lückenlos überwacht worden, er sei ein beobachteter Beobachter gewesen, die Aufzeichnungen in den Akten wären so banal wie beängstigend, sagte meine Freundin.

Wieder einmal frage ich mich, was das Thema Staatssicherheit für die Menschen, die die DDR nicht erlebt haben, so bestimmend macht. Zweifellos ist es überaus wichtig, und durch die minutiöse Dokumentation der Überwachung wird der Unrechtsstaat begreifbarer. Vielleicht ist das, was da in verwaschener Schreibmaschinenschrift auf angegrautem Papier steht, einfach besser einzuordnen. Man könnte es mit dem Begriff Überwachungsdiktatur beschreiben. Die Gefahr besteht für mich darin, es darauf zu reduzieren. Denn dann fehlen die Bilder und Geschichten aus dem ganz normalen Alltag, die zum großen Teil das Ost-Gefühl ausmachen, das uns, die wir in der DDR gelebt haben, wortlos miteinander verbindet und das wir so schwer beschreiben und vermitteln können.

Seit wir uns kennen, versucht meine Freundin zu verstehen, wie das Leben in dem Land war, aus dem ich komme. Sie hatte keine Verwandtschaft im Osten, erinnert sich nur an einen Schulausflug nach West-Berlin und einen Blick über die Mauer. Es gibt vieles, was uns verbindet, die Kindheit auf dem Land, das Erwachsenenleben in der Großstadt, die Sonderstellung in der Familie als eher künstlerisch geprägter Mensch. Wir sind gleichaltrig, doch was uns trennt, ist, dass wir unsere Kinder- und Jugendzeit nicht nur in verschiedenen Ländern sondern auch in verschiedenen Welten erlebt haben. Wie verschieden diese waren, zeigt sich inzwischen kaum noch im Alltag, umso häufiger aber, wenn wir Filme und Serien zusammen sehen und ich versuche, ihr zu zeigen, wie „der Osten“ war. So auch bei Andreas Dresens Film „Gundermann“. Für meine Freundin waren auch hier vor allem die Erfahrungen des Liedermachers mit der Staatssicherheit interessant, während ich, oft in winzigen Alltagsszenen, meine Lebenswelt von damals wiedererkannte. Es sind selten gewordene, kostbare Momente, denn längst suche auch ich nach dem verschwundenen Land, bekomme nur noch Bruchstücke, Fragmente zu fassen.

Dreißig Jahre sind eine lange Zeit.

Eine Stunde später steige ich am Bahnhof Zoologischer Garten aus der Stadtbahn, werfe einen Blick auf die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und denke an meinen ersten Besuch in West-Berlin, in der Vorweihnachtszeit 1989, an den im Lichterglanz erstrahlenden Kurfürstendamm und das Mercedes-Symbol auf dem Europa-Center, das mich an das Doppel-M auf dem Wintergartenhochhaus in Leipzig erinnerte.

Hier am Bahnhof Zoo herrscht buntes Treiben. Eine Menschenmenge schlängelt sich um den U-Bahn-Eingang. Ich brauche einen Moment, um zu verstehen, dass die Menschen vor dem kleinen Supermarkt unter der S-Bahn-Brücke ausharren. Wahrscheinlich ist er als einer der einzigen in der Stadt heute geöffnet. Ich frage mich, ob es, wenn wir keine Pandemie hätten, auch vor der C/O Galerie eine Warteschlange geben würde. Ich hoffe darauf, erinnere mich an viele Ausstellungen in Berlin, wo ich lange auf Einlass warten musste. Heute habe ich, bedingt durch Corona, ein Online-Ticket mit Zeitfenster.

Im Ausstellungsraum ist es nicht voll und nicht leer. Gedämpftes Licht, die Bilder dezent gerahmt und angestrahlt. Die Stasi-Akten-Auszüge, die meine Freundin so beeindruckt haben, finde ich gleich im ersten Raum, doch ich bin neugieriger auf die Fotos und tauche ein in die vertraute Welt der späten DDR. Viele von Hauswalds Fotografien kenne ich bereits, sie dokumentieren den ostdeutschen Alltag auf eine unnachahmliche Art und Weise, zeigen die Menschen, liebevoll, unverstellt. Aber auch Neues gibt es zu sehen, zum Beispiel das Foto mit zwei älteren Frauen vor einem Schaufenster mit Porzellanwaren. Eine von ihnen wirkt, als wollte sie die ausgestellten Gedecke berühren, an ihnen riechen, sie kniet auf der Brüstung und kriecht fast in das Schaufenster hinein. In einem Interview hat Hauswald erzählt, dass er dieses Foto kürzlich erst im Archiv entdeckt hätte und dass es sein momentanes Lieblingsfoto sei.

Vor einem Bild bleibe ich lange stehen. „Reparaturen sämtl. Systeme“ werden auf einem Schild an einer Hauswand angeboten. Möglich oder nicht? Baustellen gibt es allerorten, nach wie vor. Keine Gesellschaft ist perfekt, schon gar nicht die unsere im Moment. Der Traum, genau das tun zu können: reparieren, was kaputt ist, vernachlässigt wurde, Patina angesetzt hat, ist mir geblieben. Damals, im Herbst 1989 hatten wir nicht nur davon geträumt, wir hatten darauf gehofft. Aus der enttäuschten Hoffnung erwuchs dann, wie so oft, etwas Neues.

Zum ersten Mal heute erinnere ich, wo ich eigentlich vor dreißig Jahren war.

Am 3. Oktober 1990 habe ich nicht wie die Protagonistinnen meines zweiten Romans „ZwischenLand“ die Deutsche Einheit am Brandenburger Tor in Berlin begrüßt, ich lernte an diesem Tag Heidelberg kennen und lieben. Es war ein ähnlich sonniger und warmer Tag wie heute, ich erwanderte die Altstadt, schaute über den träge dahinfließenden Neckar zum Philosophenweg, über mir das Heidelberger Schloss in seiner romantischen Schönheit. Ich habe mich in die Stadt verliebt und bin sechs Jahre später dorthin gezogen. Unfassbar damals, dass mein Traum, mein Wunsch einfach so Wirklichkeit werden konnte.

Zehn Jahre später zog es mich zurück in den Osten Deutschlands, seitdem lebe ich in Leipzig.

Zwei Romane habe ich über die Zeit vor dreißig Jahren geschrieben, die die bisher aufregendste und prägendste Umbruchzeit meines Lebens war. Und nun: wieder eine Umbruchzeit, und wir wissen nicht, wie unsere Welt aussehen wird, wenn wir die Corona-Krise überstanden haben. Sind wir, die 1989/90 im Osten erlebt haben, wirklich gelassener als die Menschen im ehemaligen Westen? Meine Freundin ist im Brotberuf Naturwissenschaftlerin, sieht, wenn wir über dieses Thema sprechen, vor allem die Zahlen und Fakten und reagiert verärgert auf unsachliche Meldungen in der Presse. Und doch scheint es mir, als wäre da auch ein Urvertrauen in unsere demokratische Grundordnung, es scheint für sie die richtige und einzig lebbare Gesellschaftsform zu sein. Eine in ihren Grundfesten veränderte Gesellschaft liegt bisher außerhalb ihrer Vorstellungswelt. Habe ich ihr wirklich etwas voraus, weil ich eine solche Veränderung schon erlebt habe? Oder macht es mich nur skeptischer, vielleicht etwas misstrauischer, manchmal auch dankbarer?

Als ich aus der Galerie komme, erfüllt von dem, was ich gesehen habe, reicht die Schlange vor dem Supermarkt zweimal um den Eingang zur U-Bahn-Station herum. Noch mehr Menschen scheinen bemerkt zu haben, dass heute kein ganz normaler Samstag ist.

Dreißig Jahre sind eine lange Zeit.

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