Wettlesen: Nichts für schwache Nerven!

Autorin: Birgit Rabisch –

Wie war denn das Wettlesen um den „Kurzgeschichtenpreis der Hamburger Autorenvereinigung“, fragt mein lieber Verleger neugierig, und ich überlege lange, was ich darauf antworten soll. Zu lange für einen Verleger in ewiger Terminnot, aber in ein, zwei Sätzen lässt sich das nicht beantworten. Beschreib das doch in einem Beitrag für unseren Blog, handele ich mir prompt den nächsten Arbeitsauftrag ein.
Nun denn, hier mein Versuch einer Antwort:

Als ich das Wettbewerbsthema „Heimat“ las, dachte ich, nee, das ist nicht mein Thema. Und ich bin überhaupt keine Freundin von Wettbewerb bei literarischen Texten. Man vergleicht immer Äpfel mit Birnen und ein wirklich objektives Urteil kann sowieso niemand fällen. Zu allem Überfluss war das Ganze nach einer Nominierungsphase durch eine Jury auch noch als Publikumspreis ausgeschrieben! Hatte ich nicht neulich gerade bei einem anderen Wettlesen das Gerücht gehört, jemand habe seinen ganzen Handballclub mitgebracht, um zu gewinnen? Mein Urteil stand fest: Nicht mein Ding. Ich konnte wieder beruhigt und entspannt meiner Schreiberei nachgehen.
Doch dann hatte ich dummerweise plötzlich eine Idee, wie ich das Thema „Heimat“ schön gegen den Strich bürsten könnte. Und ich dachte: Schau doch mal, ob du aus der Idee eine Geschichte gestalten kannst. Du brauchst sie ja nicht zu diesem Wettbewerb zu schicken. Und ich schrieb sie. Und sie gefiel mir. Und ich dachte: Ach, ich schick sie halt hin. Ich komm ja doch nicht in die Auswahl der bedauernswerten AutorInnen, die auf offener Bühne um den Preis kämpfen müssen.
Als ich die Nachricht von der Hamburger Autorenvereinigung bekam, dass ich unter den sechs Nominierten war, war meine Reaktion „Hilfe! Nein!“ und „Wow! Super!“. Jetzt hatte ich keine Ausrede mehr. Ich musste mich auf das Wettlesen vorbereiten. Gegen die zunehmende Nervosität, je näher der Termin rückte, half mir wieder die bewährte Strategie: Ach, du kriegst ja sowieso keinen Preis. Sieh zu, dass du deine Geschichte halbwegs vernünftig liest und gut ist‘s.
Unter den Nominierten entdeckte ich eine mir bekannte liebe Kollegin, Heike Hartmann-Heesch, die den Preis bestimmt verdiente, doch ich gestand ihr, dass ich ihr nur einen Daumen drückte, denn natürlich war mein Ehrgeiz jetzt doch erwacht und ich übte fleißig das Vortragen meiner Geschichte.
Der Tag der Entscheidung kam und eine Entscheidung hatte ich immer noch nicht gefällt: Sollte ich singen? In meiner Geschichte kam die Liedzeile „Seemann, deine Heimat ist das Meer, deine Freunde sind die Sterne“ vor. Ich fand die Idee gut, das nicht nur zu zitieren, sondern zu singen. Wenn nur nicht ich die Idee in die Tat, bzw. den Ton umsetzen müsste! Wieder griff ich zum Mittel der Selbstbeschwichtigung: Ich würde mich während des Vorlesens spontan entscheiden.
Am 28.6. 2018 und 18:30 fand die Veranstaltung in den Bethanienhöfen statt. Eine halbe Stunde vorher las ich auf einer Bank im Eppendorfer Park meinem Mann, den Enten und vorbeiflitzenden Joggern ein letztes Mal meinen Text vor. Meine Nerven flatterten und ich hoffte nur, dass es bald vorbei sein möge. Das wurde auch nicht besser, als ich in den Bethanienhöfen angekommen war. Das Publikum strömte so zahlreich herein, dass noch zusätzliche Stimmzettel erstellt werden mussten. Zum Glück erfuhr ich, dass ich erst als Vierte lesen sollte (Galgenfrist!).
Endlich ging es los. Während ich den drei Nominierten vor mir lauschte, die tapfer trotz ausgefallenem Mikro ihre Texte vorlasen, wurde ich immer ruhiger. Es war machbar! Na klar war es machbar. Überhaupt kein Problem! Alles easy!
Ich kam dran. Ich las. Und ich sang!
Geschafft, dachte ich, als ich mich wieder auf meinen Platz setzte. Egal, wie es jetzt ausgeht, ich habe es überstanden. Spannend wurde es natürlich noch einmal, als der dritte Platz an Heike Hartmann-Heesch und der zweite an Karsten Meyer vergeben war und ich wusste: Entweder kriegst du jetzt den 1. Preis oder gar keinen.
Dass ich den „Kurzgeschichtenpreis der Hamburger Autorenvereinigung“ tatsächlich bekommen habe, kann ich immer noch nicht ganz glauben. Aber die Urkunde liegt auf meinem Schreibtisch, der überreichte Blumenstrauß ist noch nicht verwelkt und das Preisgeld noch nicht ausgegeben.
Literarisches Wettlesen finde ich übrigens immer noch blöd, aber das Leben wäre ja langweilig, würde man nicht ab und zu Blödsinn machen. Und am Schönsten ist es, hinterher davon zu erzählen.

 

Und hier kommt der Siegertext …

 

Heimatverbunden

Birgit Rabisch

 

Mona klappt ihren Laptop auf und schaut sich im Café um. Tatsächlich! Wiener Kaffeehaus-Charme mitten in der Schanze. Sie hat es Shirin nicht glauben wollen, aber bisher stimmt alles, was ihre Kommilitonin ihr über das Schanzenviertel erzählt hat, vor dem ihre Mutter sie gewarnt hatte (G 20-Krawalle!) und das ihr Bruder nur als längst gentrifiziertes Szeneviertel verspottete. Du wirst dich hier wohlfühlen, hat Shirin ihr versprochen und bisher hat sie Recht behalten. Na ja, Mona wohnt erst seit drei Wochen in Shirins WG, aber bis zum Ende des Semesters wird sie es bestimmt gut hier aushalten. Die Miete für das WG-Zimmer kann sie sich dank ihres Böckler-Stipendiums locker leisten und in diesem Café hat sie den richtigen Arbeitsplatz gefunden. Ruhig und belebt zugleich. So liebt sie es nicht erst seit ihrer Wiener Zeit.
Mona studiert die Kaffeesorten auf der Schiefertafel über dem Tresen und bestellt einen Arabica. Das Blubbern und Zischen der Espresso-Maschine versetzt sie hier in Hamburg genauso zuverlässig in Arbeitsstimmung wie in den Cafés in London, Nantes, Rio, Kapstadt oder Sydney. Sie fragt den Kellner nach dem Passwort für das WLAN des Cafés. Er weist auf die Kuchenkarte. Ach, da oben steht es ja! Blümchenkaffee0816. Sehr witzig! Sie loggt sich ein und wartet, dass sich ihre Homepage aufbaut, was nervig lange dauert. Home, sweet home!, betet sie ungeduldig, was den Prozess aber auch nicht beschleunigt.
Ist euer WLAN immer so langsam, fragt sie den Kellner, der ihr das Espresso-Tässchen neben den Laptop stellt, doch da ist ihre Startseite endlich da und sie winkt ab. Sie will sich gleich an das Referat für ihr Soziologie Seminar machen, erstellt eine Word-Datei, doch vorher muss sie kurz mal gucken, was so los ist auf der Welt und in ihrer Community. Kurz, wirklich nur kurz!
Eine halbe Stunde, zwei Espressos und ein Croissant später chattet sie gerade mit Mamadou in Guinea, als das Smartphone in ihrer Jeanstasche vibriert. Das ist garantiert ihre Mutter. Wer telefoniert sonst noch? Sie schaut auf das Display: London calling, der Eintrag, unter dem sie ihre Mutter gespeichert hat, die ihrem Vater wegen eines Brückenbauprojektes nach London gefolgt ist und auch nach der Scheidung dort blieb, während ihr Vater mit seiner Freundin inzwischen wieder in seinem geliebten Frankreich lebt.
Hallo Mama!
Hab ich dich geweckt?
Mona verdreht die Augen zur stuckverzierten Decke. Das fragt ihre Mutter immer, egal, ob sie morgens, mittags oder abends anruft. Was hat sie bloß für Vorstellungen vom Leben einer Studentin?
Nein, Mama. Ich … äh, ich prokrastiniere gerade fleißig.
Oh, dann will ich nicht stören. Ich wollte auch bloß mal hören, wie’s dir geht.
Gut. Sag mal, wo ich dich gerade dran hab: Ich muss ein Referat schreiben über Heimat als soziokulturelles Konstrukt. Was verstehst du denn so unter Heimat?
Verschon mich! Ich muss sofort an Blut und Boden denken, an Heimatfront, Heimatschutz, Ariernachweis…
Es folgt ein Vortrag, in dem ihre 68er-Mutter ihr lang und breit darlegt, wie die Nazis das Wort missbraucht haben und die neuen Rechten es schon wieder tun und dass sie sich schlicht als Weltbürgerin bezeichnen würde.
Meine Heimat: Planet Erde, verstehst du?
Mona versteht. Sie hat auch nichts anderes von ihrer Mutter erwartet. Nachdem sie das Gespräch beendet hat, fängt sie an zu grübeln. Was fällt ihr zum Thema des Referats ein? Möglichst was Zitierwürdiges. Gibt‘s da nicht was von Ernst Bloch? Sie googelt. Ja, genau! …etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat. Sie kopiert es in ihre Datei. Hmmh. Hört sich gewichtig an, aber was will er damit eigentlich sagen? Egal. Erst mal einfach nur Stoff sammeln. Sie horcht in sich hinein und hört plötzlich die Stimme ihres Opas auf Amrum, der beim Abwaschen immer sang: Seemann, deine Heimat ist das Meer, deine Freunde sind die Sterne… Sie lauscht der Melodie nach, hört seine tiefe Stimme, erinnert sich an unbeschwerte Urlaubswochen auf der Insel bei den Eltern ihrer Mutter. Dort hat sie sich ebenso wohlgefühlt wie in der Provence bei den Eltern ihres Vaters. In Frankreich hat sie am längsten gelebt, wenn sie genau nachrechnet, auch wenn sie in Kiel geboren wurde und dort die ersten vier Jahre verbracht hat. An die Zeit kann sie sich kaum erinnern. In Frankreich sind sie dann den Jobs ihrer Mutter in verschiedenen Städten hinterhergezogen, nach ihrem zwölften Lebensjahr den Bauaufträgen ihres Vaters nach Chile, Kanada und schließlich London. Für ihr Studium an der Global Labour University hat sie Semester in Brasilien, Südafrika und Australien verbracht und jetzt ist sie hier in Hamburg und soll was zum Thema Heimat schreiben! Was ist Heimat für sie? Ihr Geburtsland Deutschland? La douce France, wie ihr Vater ganz selbstverständlich antworten würde? Das Meer? Der Planet Erde? Das Land, worin noch niemand war?
Mona öffnet ihren Facebook-Account und postet: Ich brauche eure Hilfe für ein Referat. Stoffsammlung. Was ist Heimat für euch? Eilt!
So, das Ganze nochmal auf Englisch, wobei sie das unübersetzbare Wort Heimat im Original belässt, und sie kann sich zurücklehnen und noch ein Croissant bestellen. Bevor sie es aufgegessen hat, füllt sich die Kommentarfunktion. Auf ihre Freunde ist Verlass! Mona wird ganz warm ums Herz. Das berühmte Heimatgefühl? Vielleicht. Vielleicht ist ihre Heimat einfach jeder Ort, an dem es WLAN gibt.

Kommentare

  1. Liebe Birgit,
    es macht Laune, das alles noch einmal nachzulesen – deinen Bericht UND die Kurzgeschichte. Ich hatte das Glück, bei diesem „historischen“ Moment auch in puncto Singen anwesend zu sein und habe dir – glaub es oder nicht – sofort beide Daumen gedrückt, mich dann sehr für dich gefreut, als dein Sieg feststand. Gut, ja, für die anderen habe ich mich auch gefreut, das wäre ja auch seltsam, wenn nicht – nicht?
    Weiter so viele gute Ideen und deren Umsetzung wünsche ich dir.
    Liebe Grüße
    Margret

    1. Liebe Margret,
      danke für deinen aufbauenden Kommentar! Der macht mir auch Laune. Wie schön, dass es dir so gut gefallen hat. Und für’s Daumendrücken natürlich ein XXL-Dankeschön!
      Liebe Grüße
      Birgit

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