Wolfgang Eicher auf dem Pleinair Festival Ostsee in Kühlungsborn

Der Maler und duotincta-Autor Wolfgang Eicher befindet sich derzeit auf dem Pleinair Festival Kühlungsborn. Gestern las er im Kulturcafé Alte Büdnerei aus seiner Groteske Frötsch I. Während der Zeit des Festivals bloggt er auf verschiedenen lokalen Seiten. Exklusiv und vorab auf dem duotincta-Blog: sein Auftaktbeitrag. (Autor: Wolfgang Eicher)

 

 

Anreisetag

 

Abenteuerlich und voll fad alles prächtig funktionierend war der Anreisetag. Vom 3:00 Aufstehen in Wien bis zum 0:00 Darniederliegen in Kühlungsborn liegen 21 Stunden Glück der unterschiedlichen Verkehrsmittel wie Flugzeug, Zug, Bus, U-Bahn, Taxi, Füße usw. Das schöne Wetter und die lange Rast spielten mit unserem Gemüt, doch am Ende waren wir schneller.

 

Rahmenbedingungen

 

Wolfgang Eicher mein Name und ein Malworkshop das Projekt. Ich bin Schriftsteller und verbringe eine Woche mit Malenden, um sie zu begleiten. Was heißt das? Ich weiß es nicht. Ich schreibe nur Texte, die auf irgendwelchen Blogs Verbreitung finden werden, oder aber auch nicht. Oder vielleicht erzählt mir einer der Künstler eine Geschichte. Dann schreibe ich die auf. Oder es erzählt mir einer der Künstler sein Leben. Dann schreib ich das auch auf. Oder es erzählt mir niemand irgendwas. Dann denke ich mir etwas aus. Jedenfalls sollte ich am Ende des Workshops wissen, warum ich hier gewesen bin. Doch selbst das ist nicht sicher.

Ach übrigens, ich male auch. Ob jedoch das ein Vorteil ist, weiß ich nicht. Dabei geht es gar nicht um Vorteile. Es geht um Kreativität.

 

Wie der Wolfgang Eicher seine Bilder malt – eine Anleitung

 

Zuerst gebe ich die Leinwand auf die Staffelei. Ich habe auch schon Malen auf Papier probiert, doch mit einer Leinwand kann man fast alles machen, das ist mir lieber. So und jetzt schreit mich so ein weißes Viereck an: „Bemal mich! Bemal mich!“ Ich habe keine Angst vor dem weißen Blatt und auch keine Angst vor der weißen Leinwand, die wird nämlich nicht lange weiß bleiben. Jetzt nehme ich einen beliebigen Pinsel und tauche ihn in eine beliebige Acrylfarbe. Das geht ganz leicht. Anschließend wird der erste Strich des Bildes gemalt, natürlich beliebig. Ich muss zugeben, dass meine beliebigen Striche meistens von links unten nach rechts oben verlaufen, oder aber rund sind. So, jetzt hätten wir den ersten Strich. Natürlich kann es auch ein erster Punkt sein, aber die Bewegung, die man beim Strichzeichnen macht, ist eindeutig geiler. Als nächstes folgt der zweite Strich. Der passiert gleich wie der erste. Und die Striche sollen passieren, sollen zufällig und spontan und ohne Denken und ohne Bild im Kopf, was aus all dem einmal werden soll, die Leinwand mehr und mehr bevölkern, bis kein Fuzel weiße Leinwand mehr übrig ist. Damit wäre der erste Schritt getan.

Der zweite Schritt folgt als Übermalen der ersten Striche. Letztere sind nämlich nicht immer sofort schön. Das Übermalen geht immer weiter eine beliebige Zeitspanne lang. Nicht zu vergessen bei diesem und dem ersten Schritt ist das Wechseln der Farbe, beliebig oft, und das Mischen von Farben, beliebig bunt. Wenn man genug Acrylfarbe auf die Leinwand gebracht hat, kann man im Bild malen, bis es braun ist, oder man hört vorher auf. Wichtig ist die Beliebigkeit.

Das Bild ist dann fertig, wenn es mir gefällt. Das ist manchmal schon nach 30 Minuten der Fall, lieber ist mir jedoch tagelanges Dahinmalen mit oftmaligem kompletten Übermalen des Geschaffenen, bis ich endlich sagen kann, jetzt ist das Bild rund.

Natürlich habe ich auch schon andere Methoden ausprobiert, die insgesamt etwas zielstrebiger gewesen sind. Am liebsten ist mir jedoch die Kunst des Zufalls herrschen zu lassen.

 

Perfekt ist fad

 

Unser Leben ist auf Perfektion ausgerichtet. Leider ändert sich das nur langsam. Noch immer ist unser stetiges Ziel, unser Sinn des Lebens, unsere Wahrheit und unser alleiniges Streben die Perfektion der Dinge. Gut reicht nicht, sehr gut auch noch nicht, es muss etwas fehlerlos dastehen, erst dann darf man sich zufrieden zurücklehnen. So werden wir tagein tagaus geknebelt von einem Zustand, den es gar nicht gibt, der Fehlerlosigkeit. Wir machen nämlich Fehler, und nicht zu wenige. Das ist schon richtig und wichtig so. Nur durch Fehler ist es uns überhaupt möglich zu lernen, neue Sachen auszuprobieren, neue Abenteuer zu erleben und Erfahrungen zu sammeln. Wer Perfektion sucht, kann ihr höchstens in ein zwei Sachen begegnen. Man müsste sich der Vielzahl angebotener Möglichkeiten verweigern und ein fades Leben führen.

Aber was heißt das dann, wenn wir nicht mehr nach dem Besten streben? Ich erörtere zuerst die Frage, was passiert, wenn wir nach dem Besten streben. Ich beginne mit dem Gesetz des abnehmenden Ertragszuwachses. Dieses Gesetz kommt aus der Landwirtschaft und berechnet Erträge in Abhängigkeit vom Einsatz von Düngemittel. Düngt man ein Feld nicht, erhält man dennoch Ertrag. Düngt man sagen wir 40 kg, erhält man einen recht ordentlichen Ertragszuwachs. Düngt man noch einmal 40 kg, so ist dieser Ertragszuwachs bereits viel kleiner, und ab den nächsten 40 kg Dünger wird der Ertragszuwachs immer mehr mager. Was hat jetzt das Düngen mit dem Malen von Bildern zu tun? Zuerst müssen wir die Perfektion in das Gesetz des abnehmenden Ertragszuwachses einsetzen. Das wird jetzt alles zu mathematisch, daher lasse ich einige Rechenschritte aus und behaupte als Ergebnis, dass erstens Perfektion unerreichbar ist, zweitens dass je näher man der Perfektion kommt, umso mehr Kraft muss investiert werden und drittens, am erfolgreichsten lässt sich Kraft nicht nahe der Perfektion einsetzen, sondern viel weiter unten bei den Fehlern. Leider wird durch diese Überlegungen der Zusammenhang mit dem Malen immer noch nicht klarer. Also müssen wir uns ein perfektes Bild vorstellen. Es handelt sich dabei um ein fotorealistisches Bild. Klick, mit dem Fotoapparat bin ich schneller. Nein, ich meine Mut zum Fehler, Mut zur Hässlichkeit und Mut zum Ausprobieren von Unbekanntem ergeben eine Vielfalt, die weit besser auf diese vielfältige Welt passt. Realistisch malen ist natürlich eine hohe Kunst, die ich niemals erlernen werde, weil bei einem perfekten Bild so wie ich es sehe, dürfen die Farben nicht zueinander passen, müssen die Proportionen nicht stimmen und darf die Perspektive nicht richtig sein. So ein Bild nenne ich dann für mich nicht fad, sondern frei nach den Sternen, von allen Bildern lieb ich doch am meisten die interessanten.

Perfektion ist also effektiv aber nicht effizient. Natürlich erreicht man mittels Perfektion sein Ziel, aber der Kraftaufwand ist gewaltig. Ich erkläre das mithilfe dem Malen von Nasen, weil ich das Malen von Nasen am schwierigsten finde. Zuerst ist da eine eindeutig nicht perfekte Nase, sie ist einfach nicht schön. Jetzt könnte man versuchen, so lange an dieser Nase herumzumalen, bis sie wohlproportioniert ins Bild passt. Auch ich versuche das von Zeit zu Zeit. Lieber ist mir jedoch, die fehlerhafte Nase stehen zu lassen und das Bild herum, das ja viel einfacher zu malen ist, der Nase anzupassen. (Das führt unter den Kunstkritikern zur berechtigten Frage, was war zuerst auf dem Bild, die Nase oder das Drumherum. Ach übrigens, das Ei war zuerst da.)

 

Erster Kontakt

 

Am Segelboothafen werde ich fündig. Ich begegne meinen ersten echten Teilnehmern des Plein Air Festivals, richtigen Malern. Ich bestaune ihre High-Tech-Staffeleien. Das Klima unter den Teilnehmern ist gut, sehr entspannt. Nur einer, der aussieht wie der Chef oder Workshopleiter sieht aus, als würde er am liebsten etwas hinausschreien. Richtig wütend wirkt der Lehrende. So als hätten seine Schüler schon wieder nicht aufgepasst. Dabei was kann falsch sein an den Bildern? Auf jedem einzelnen sind wunderschön ein oder mehrere Segel- oder Motorboote abgebildet und einen Teil des Hafens kann man erkennen. Ich könnte das so nicht hinmalen. Ich würde alle Farben vertauschen. Dann hätte der Lehrer wirklich Grund für Ärger. Bin ich froh dass ich nur der Schreiber bin.

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