Die Geschichte der „Vogelhälse“: 30 Jahre, 3 Manuskripte

Autor: Kai Maruhn

 

Wann beginnt man mit dem Schreiben?

Vielleicht in dem Augenblick, in dem man anfängt, seine Umwelt zu beobachten, sich Geschichten anzuhören und Stimmungen zu erspüren.
Einen muss es ja schließlich geben, der sich ansieht, was alle anderen so machen, sagte ich mir, und statt dem Unterricht zu folgen, las ich lieber Bücher unter dem Tisch.

Ich erinnere mich noch daran, dass ich keine Ermahnung von meinem Geschichtslehrer bekam, weil es immerhin Thomas Carlyle war, den ich da verschlang und ich mich dennoch am Unterricht beteiligte.
So träumte ich und lag in den Wiesen und begann, alles aufzuschreiben, was mir so auffiel. Daraus entstand rasch ein Erzählband, den ich „Die Idyllen“ nannte – es war die erste Version der „Vogelhälse“, lauter kleine Episoden aus dem Leben eines siebzehnjährigen Jungen.

Der Litfass-Verlag interessierte sich für meine Geschichten, beschäftigte sich damit, gab mir Hinweise und wertvollen Rat – ich war sehr gespannt, wie alles weitergeht und verspürte das erste Mal so etwas wie Zugehörigkeit und Zuversicht, was das Schreiben betraf und gleichzeitig lernte ich meine erste Liebe kennen … ein Traum begann.

Und dann war es eine zauberhafte Sommernacht, nein besser, ein beginnender sehr früher Morgen. Die Zeit, in der unzählige Vögel den Tag begrüßen. Ich kehrte von einem Sommerfest zurück und wunderte mich, dass so viele Feuerwehrleute aus dem rauchenden Dach schauten und wunderte mich über all die vielen Schläuche, die die Auffahrt hinaufführten.
Für einen Moment noch erlaubte ich mir, an einen Wasserrohrbruch zu glauben, doch beißender Brandgeruch lag schwer in der Luft und Feuerwehrmänner hielten mich davon ab, die Ruine, die Reste meines Elternhauses zu betreten.
Ein Feuer, eine nichtgeerdete Steckdose, hatte meine Mutter, die ich sehr liebte, das Leben gekostet und mit ihr verbrannte nicht nur mein Elternhaus, meine Heimat, sondern auch die erste Fassung der „Vogelhälse“, „Die Idyllen“.

Irgendwie ging mein Leben weiter und irgendwann besuchte ich dann eine Institution des zweiten Bildungsweges, um doch noch das Abitur nachzuholen.
Danach machte ich den einen oder anderen Unsinn – ich wusste nicht mehr, wo ich hingehörte.

Ganz langsam, und nach dem Bruch einer anderen Liebesgeschichte, fing ich zaghaft wieder an, die „Vogelhälse“ zu schreiben.

Und es war wieder ein sonniger Sommertag und ich hatte ein Freundespaar zu Besuch, das sich entsetzlich stritt – ich kannte diese Auseinandersetzungen ziemlich gut, war ich doch oft zu Besuch bei den beiden und unglaublich verliebt in die Freundin des Freundes, die so oft an meiner Schulter bitterste Tränen weinte und die natürlich als Freundin eines Freundes völlig tabu war – es war eine entsetzlich schwere Zeit.
Ich schlichtete diesen Streit und versuchte, das ganze Elend in etwas Hübsches zu verwandeln, was mir dann auch glückte, da ich sie beide wieder lachend sah.
Und so brachen wir auf, um im Schlosspark Babelsberg Rieslingsekt zu trinken, und mit den Rehen zu plaudern, um dann weiterzufahren nach Westdeutschland.

Nur ich, ich hatte etwas vergessen.
Es war zu der Zeit, als man noch Disketten zum Speichern benutzte und als das gebrannte Kind, das ich war, deponierte ich diese bei verschiedenen Freunden um einen abermaligen Verlust der „Vogelhälse“ auszuschließen.
Diese Disketten holte ich in regelmäßigen Abständen zu mir, um sie zu aktualisieren.
Eben auch an jenem Tag, an dem ich diesen unsäglichen Streit schlichtete und über diese Schlichtung und meine unglückliche Liebe in Verwirrung geriet. Vielleicht freute ich mich auch so sehr, sie wieder lachen zu sehen, obwohl ich über diese unglückliche Liebe im wahrsten Sinne des Wortes noch jahrelang weinte.

An diesem Tag vergaß ich, die Notebooktasche mit allen Disketten mitzunehmen und wir fuhren noch einmal zurück, um sie zu holen.
Als wir ankamen wunderte ich mich über Glasscherben auf dem Boden, eine Verandatür war aufgebrochen, Bücher aus den Regalen gezogen und in kleinen Haufen im Haus verteilt. An diesem Tag wurde bei mir eingebrochen und die Notebooktasche mit allen Disketten gestohlen.

Es dauerte wiederum Jahre, bis ich wieder anfing zu schreiben.
Es sollte kein anderes Buch sein, es konnte keine neue Geschichte sein, das war mir klar. Es war diese eine Geschichte, diese erste Geschichte, die ich erzählen wollte.
Und wieder war es eine Liebe, eine neue Liebe, eine glückliche Liebe, die mich überzeugte, noch einmal zu beginnen.
So saß ich unter einem blühenden Flieder im Garten und schrieb die „Vogelhälse“ ein letztes, ein allerletztes Mal.

Schließlich dauerte es mehr als 30 Jahre bis die „Vogelhälse“ fertiggestellt wurden und bei duotincta ein Nest gefunden haben.

Mittlerweile arbeite ich an einem zweiten Roman: „Der Spaziergang im Oval“.
Sicherheitshalber lagert dieser Text in Clouds, auf Sticks, auf SSDs, in einem Notizbuch.
Das klaut dann auch niemand …

 

Titelfoto: Kai Maruhn. Die erste Version der „Vogelhälse“ verbrannte im Haus seiner Kindheit. Zurückgeblieben waren die Erinnerungen.

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