Erfolg wird überschätzt. Misserfolg aber auch.

Bild: Arlett Mattescheck

 

Autor: Tom Schmieder

 

„Wir wollen den Misserfolg“ überschrieb Lutz Flörke seinen Blogbeitrag und zitierte damit eine Aussage vom Beginn seines neuen Romans „Nebelmeer #7“.

An diesem Satz bin ich dann doch hängen geblieben … Wir woll(t)en den Misserfolg!? Was hat das für Implikationen? Kann man ganz allgemein literarischen Figuren, die sich gegen den erfolgsorientierten Mainstream positionieren, eine solche Haltung unterstellen? War mir da eventuell eine tieferliegende Motivation im Agieren der Protagonisten meines eigenen Romans „Als wir einmal fast erfolgreich waren“ entgangen, der wenige Tage nach dem Erscheinen von Lutz Flörkes Werk vom Leipziger Liesmich Verlag publiziert wurde?

Ich musste dringend noch einmal Zwiesprache mit meinen beiden Hauptfiguren Markus Müller und Kraschno führen, zumal der Titel ihrer literarischen Erlebnisse das inkriminierte Wort „erfolgreich“ in sich trägt.

Sie wissen ja spätestens nach dem Blogbeitrag von Lutz Flörke, dass das Leben nur die Ressource für literarisches Schreiben ist und deshalb wundern Sie sich auch nicht mehr darüber, dass ich einen ganzen Abend mit den beiden Figuren fiktional im Keller saß und über das dialektische Verhältnis von Erfolg und Misserfolg diskutiert habe.

Was die beiden jungen Männer angeht, kann ich das Publikum beruhigen. Sie wollten wirklich den Erfolg bei ihrem Handeln, unabhängig davon, wie viel sie erreichen konnten. Aber was ist mit dem Autor?

Wenn ich den unbedingten ökonomischen Erfolg meines Schreibens hätte befördern wollen, wäre ich mit dem Werk „Das Tom-Schmieder-Prinzip: 20 Kilogramm abnehmen in 20 Tagen! Und nie wieder zunehmen“ an die Öffentlichkeit gegangen. Startauflage: 100 000. Breite Medienkampagne. Auftritte im Frühstücksfernsehen der kommerziellen Sender. Plakate an allen Bahnhöfen der Republik. Spätestens drei Monate später: „Das Rezepte-Buch zum Schmieder-Prinzip: Locker, lecker, erfolgreich!“

Genug davon. – Erfolg ist, wenn man eine Geschichte erzählen darf, die einen zunächst einmal selber überzeugt. Da hat man schon einmal eine Menge mit sich selbst zu besprechen. Wenn man dann noch eine Sprache findet, die zu den Figuren zu passen scheint, mit der diese zufrieden sind und leben können, ist man wohlgelaunt, vielleicht sogar ein bisschen glücklich.

Misserfolg ist, wenn man den Bus verpasst. Misserfolg wird überschätzt. Erfolg aber auch.

 

Nach einer römisch-katholischen Taufe in der norddeutschen Diaspora in den 1950er Jahren begeisterte sich Tom Schmieder schon früh für das gesprochene Wort. Sein erster Satz: „Tut, tut, tut, ein Auto!“ Später folgten regelmäßige Abschriften der Haus- und Hofordnung seines Gymnasiums in Mehrfachexemplaren. Der Plagiate müde verließ er trotz erheblichen Widerstands der pädagogischen Fachkräfte die Lehranstalt mit einem Abschluss, der es ihm erlaubte, diverse Studien und Ausbildungen zu absolvieren. Schließlich fand er seinen Broterwerb als Bibliothekar. In den vergangenen Jahrzehnten wurde sein Schreiben vielfältiger: Einkaufszettel, Stilblüten, Akzidenzien, Verluste … Und nun eine neue Gattung: sein Roman beim Leipziger Liesmich Verlag.

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