Soli-Lesung #RettetdasColosseum | ein Kommentar

Fotos: Michel Rieck | Text: Jürgen Volk

Am Donnerstag, den 10. September 2020, saßen Jörn Zacharias und Michael Kanofsky in einem roten, thronartigen Kino-Sessel vor dem Kino Colosseum, lasen und musizierten zwischen Plakaten und Transparenten, während sich um sie herum Menschen im Halbkreis mit einem Abstand von eineinhalb Metern formierten …

Ungewöhnliche Dinge geschehen um uns und weltweit seit Ausbruch der Corona-Pandemie. Das beobachten wir jeden Tag. Aber warum engagieren sich ein Kleinverlag und dessen Autorenschaft für einen Kinokoloss? ABC, UCI oleole? Bevor wir fallen, fallen wir lieber auf?

Dazu muss ich weiter ausholen.

Es war zu Zeiten des Lockdowns, dass die Lichter im Colosseum, dem Kino in unserer Straße, ausgingen. Zuerst war zu bemerken, dass die Plakate nicht mehr ausgetauscht wurden, dann, wie trist die dunkel gewordene Ecke Schönhauser-Gleimstraße abends wirkte. Unabhängig von der allenthalben sichtbaren Leere in der Stadt. Dass die Lichter auch nach dem Lockdown nicht mehr angehen würden, war mir (und wohl auch den wenigsten Mitarbeitern) zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst, obwohl schon manche intensiv (und schon seit langer Zeit) daran arbeiteten, dass es so kommt – wie wir heute wissen. Was war passiert?

Das Colosseum blickt auf eine knapp 100 Jahre währende Kinotradition zurück, war, nein, IST einerseits Multiplex-Blockbuster-Kino, andererseits Berlinale-Kino. Ein Abriss der Kinogeschichte findet sich hier. Um zu verstehen, warum ich diesen Text schreibe, genügt es im Jahr 1992 einzusteigen, als Artur „Atze“ Brauner, Filmproduzent und engagierter Kämpfer für Toleranz und Verständigung, das Kino von der Treuhand übernahm. Im Juli 2019 verstarb Artur Brauner. Im Juli 2020 öffneten die Berliner Lichtspielhäuser wieder ihre Türen – bis auf Artur Brauners Colosseum. Denn ein Insolvenzverwalter, von der Erbengemeinschaft um Sammy Brauner beauftragt, tat sein Werk. Konsequenz: Die über 40 Mitarbeiter*innen, die während des Lockdowns keinen Lohn oder andere Zuwendungen erhielten – das Kino war buchstäblich zugesperrt und somit notwendige Dokumente für Anträge bei der Bundesagentur für Arbeit nicht zugänglich – fanden sich nach dem Lockdown ohne Arbeit – wieder buchstäblich – auf der Straße wieder. Denn genau dort formierte sich von Beginn an der Widerstand. Der Grund: Trotz Kinokrise arbeitete das Colosseum vor Einsetzen der Corona-Maßnahmen wirtschaftlich. Deshalb begannen die Mitarbeiter*innen ihren Kampf um ein Fortbestehen des Kinos.

„Eigentum verpflichtet“ sollte man denken. Immerhin steht dies so im Grundgesetz.

„Es gab und gibt staatliche Hilfen“ könnte man weiter denken und sich fragen, warum das Colosseum nicht, wie andere Lichtspielhäuser auch, Hilfen beantragt hatte.

Das hat Gründe. Heute kämpfen die Mitarbeiter*innen im Wissen um die Zusammenhänge darum, den Kinobetrieb in irgendeiner Form wiederaufnehmen zu können. Und die Zusammenhänge legen die Einschätzung nahe, dass die Erbengemeinschaft um Sammy Brauner mehr am materiellen Wert als am geistigen Erbe Artur Brauners, der das 1924 gegründete und denkmalgeschützte Kino laut Spiegel einmal als „das schönste Kino der Welt“ bezeichnet hatte, interessiert ist. Das ist ein starker Vorwurf. Aber wie soll es sonst ausgedrückt werden, wenn im November 2019 – fünf Monate nach dem Ableben Artur Brauners – nach Tagespiegel-Recherchen seitens des Bezirksamts Pankow ein Bauvorbescheid gegen einen Hamburger Immobilienentwickler erteilt wird?

Schwebt der Erbengemeinschaft ein Kongresszentrum vor? Bisher äußert sie sich nicht zu ihren Plänen, was die konkrete Zukunft des Kinos angeht.
Und die Berliner Politik? Macht Berliner Politik …
Ein Kongresszentrum mitten im unter Milieuschutz stehenden Kiez? Jahrelang eine Großbaustelle vor der Haustüre? Davor jahrelang ein dunkel leerstehender Gebäudekomplex, der – wie jetzt schon – zu Berlins größter öffentlichen Freilufttoilette verkommt? Und danach? Wo ist denn im Gleimkiez die Infrastruktur für ein Kongresszentrum gegeben? Diese Fragen beschäftigten und beschäftigen mich und die Menschen im Gleimkiez, bevor der Skandal um den Umgang mit den Mitarbeitern erst bekannt wurde. Es geht um mehr als die Gestaltung der Nachbarschaft. Es geht zuallererst um einen würdigen und gerechten Umgang mit den Mitarbeiter*innen und ein Fortbestehen des Kinos, dann um die Wahrung der Interessen der Anwohner*innen. Deshalb unterstützt die duotincta den Kampf ums Colosseum. Ein breites Bündnis hat sich mittlerweile gebildet. Mehrere hundert bis über 1000 Teilnehmer*innen wurden bei den Großdemonstrationen gezählt. Aber auch die passionierteste Kinogängerin kann nicht jede Woche demonstrieren … Deshalb, und auch weil die Erbengemeinschaft um Sammy Brauner die Transparente und Plakate vor dem Kino abnehmen ließ, gibt es jeden Donnerstag Kultur vor dem Colosseum, um Flagge zu zeigen. Genau deshalb waren Michael Kanofsky und Jörn Zacharias für Kunst, Kino und die gute Sache vor dem Colosseum zu sehen und zu hören. Denn bisher weigert sich die Erbengemeinschaft mit der Belegschaft des Colosseums zu sprechen. Kein einziges Gespräch fand bisher statt!

Die duotincta solidarisiert sich mit den Mitarbeiter*innen des Colosseums, so wie hoffentlich noch viele andere, auch wenn sie nicht in der unmittelbaren Nachbarschaft leben. Und an alle aus der Nachbarschaft: Kommt an den Donnerstagen am Colosseum vorbei. Von Literatur über gemeinsame Siebdruckarbeiten bis hin zu Konzerten ist alles geboten. Hört zu, seht zu, macht mit!

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