Alles

Moritz Hildt

17,00  Preis inkl. gesetzlicher MwSt.

– Nominiert für den Thaddäus-Troll-Preis 2020 –

 

Ein kleines Café an der Ostsee. Eine Insel, die zwar genau genommen keine ist, auf der Lukas Seeger aber mehr als zufrieden ist mit seinem ruhigen, gleichförmigen Leben.
Als der totgeglaubte erste Ehemann seiner Frau aus heiterem Himmel im Café auftaucht, nehmen Ereignisse ihren Lauf, die Lukas zwingen, sich auf eine Reise zu begeben, zunächst in die Sümpfe im tiefen Süden der USA und dann in die Wildnis der roten Wüste von Utah.
Nach seinem atmosphärischen Debüt „Nach der Parade“ erzählt Hildt eine ebenso fesselnde wie erschütternde Geschichte darüber, wie gut man die Menschen, die einem besonders nahe sind, überhaupt kennen kann – und welches Maß an Wahrheit nötig ist, welches gut, und welches gefährlich.

Gattung
Roman
Seiten
268
Erscheinungsdatum
15.07.2020
ISBN
9783946086567
Ausgabe
Taschenbuch

Erfahren Sie mehr

Buchtrailer

Stimmen zum Buch

Michael Seehoff:

Moritz Hildt hat einen neuen Roman mit dem schlichten Titel „Alles“ veröffentlicht. Trotz dieses kurzen Titels verbirgt sich zwischen den beiden Buchdeckeln eine Geschichte, die es in sich hat. Moritz Hildt schreibt über Liebe, Vertrauen und die Unfähigkeit, einen Menschen, selbst wenn er einem sehr nah steht, ganz zu kennen.

Die Geschichte einer Ehe, die von der Vergangenheit überschattet wird

Moritz Hildt erzählt in Alles die Geschichte von Helen und ihrem Mann Lukas Seeger aber auch die von Jeremy, der eigentlich Ferdinand Mosbacher hieß. Mit ihm war Helen vor Moritz verheiratet und ging mit ihm in die USA. Als ihr erster Ehemann in den Sümpfen im Süden der USA spurlos verschwindet, taucht Helen im Leben von Lukas wieder auf. Sie setzt sich im Bus, der Lukas zur Arbeit bringt, exakt auf den Platz, auf dem sie schon als Jugendliche mit ihm zur Schule fuhr, als sie noch im gleichen Ort wohnten. Gemeinsam bauen sie sich ein neues Leben auf, eröffnen auf einer norddeutschen Halbinsel ein Café und heiraten. Das Café floriert, so dass Helen über eine Erweiterung nachdenkt.

Ihr geordnetes Leben erfährt jedoch einen tiefen Schnitt, als plötzlich Helens totgeglaubter Ex-Mann im Café auftaucht. Um einige nun aufgeworfene Fragen zu klären, beschließt Helen, Ferdinand zurück in die Staaten zu begleiten und in vier Wochen zurückzukehren. Das Café wird geschlossen, die Frau ist auf bestimmte Zeit weg und Lukas ist auf sich allein gestellt. Obwohl anders verabredet, beschließt Lukas seiner Frau hinterher zu reisen und nicht einfach auf ihre Rückkehr zu warten. Dort begibt er sich auf die Spur von Helens Vergangenheit, die mit einem Namen verknüpft ist, den er zufällig erfahren hat: Joe Mitchum. Der war Geschäftspartner von Helen und Ferdinand auf der Insel-Stadt Galveston in Texas.

Die Musik des Zufalls grundiert den Roman von Moritz Hildt

Wir kennen diese Wendungen im Leben, die Zufällen geschuldet sind, aus den Romanen des amerikanischen Autors Paul Auster. Dieses Thema hat er eindrücklich schon im Titel eines Romans benannt Die Musik des Zufalls. Wie Auster stellt auch Moritz Hildt die Frage, „was wäre wenn“ in den Mittelpunkt seines sprachlich brillanten Romans. Mit seiner Prosa zieht er den Leser mit allen Sinnen in die Geschichte, die Szenen sind plastisch bis in jedes Detail geschildert.

"Die Luft im Raum war so dick, dass sie mir auf die Augenlider drückte, obwohl ich sie offen hatte." S. 79

Es ist nicht nur eine Liebesgeschichte

Hat man anfänglich den Eindruck, hier würde eine klassische Liebesgeschichte erzählt, erhält der Roman mit dem Auftauchen des todgeglaubten Ehemanns eine Wendung, die den Roman mehr und mehr zu einem Pageturner macht. Nach diesem Plot Point springt Moritz Hildt kurz in der erzählten Zeit zurück, liefert wichtige Einzelheiten über die beiden und aus ihrem Leben. Anschließend treibt er mehr und mehr seine Geschichte voran.

"Früher dachte ich, dass die Erinnerungen wie die Wurzeln eines Baumes sind. Dass sie sich zusammenfügen zu einem Strang, der immer dicker wird, bis er in die Gegenwart reicht. Wenn unsere Erinnerungen überhaupt ein Ganzes ergeben, dann sieht es eher wie die Wurzeln von Pilzen aus, feinverästelt, die einzelnen Stränge verschlungen und übereinandergelagert, ohne eine klar, sinngebende Form." S. 112

Moritz Hildt Schicht für Schicht aus seiner Geschichte

Diese Stränge oder besser gesagt, das unter der Oberfläche verborgene, schält Moritz Hildt im weiteren Verlauf des Romans Schicht für Schicht heraus. Einem plötzlichen Entschluss folgend, bucht sich Lukas einen Flug in die USA, um nicht auf die Rückkehr seiner Frau zu warten, sondern selbst in ihre Vergangenheit einzutauchen. Wir laufen mit ihm durch die Straßen von Galveston und wollen wie dieser von der Vergangenheit seiner Ehefrau erfahren. Hier hatte sie gelebt, vor dem Verschwinden ihres ersten Ehemannes.

"Es war ein Tag, der sich noch nicht entschieden hatte, wie er werden wollte." S. 118

Eine mühselige Suche beginnt für Lukas Seeger

Die Suche erweist sich als mühselig. Trotz der Übersichtlichkeit der Insel kann Lukas anfänglich nicht ihre Spuren finden. Er hofft, im Rathaus fündig zu werden, dort will er eine Adresse von ihr erhalten. Die sonst so hilfsbereiten Amerikaner wollen oder können ihm nicht helfen als er sagt, er sei auf der Suche nach jemandem:

"Irgendwas lies sie aufhorchen und ihr Lächeln zog sich zurück. … Ich hatte das Gefühl, als würde mir mit diesem Satz alles zwischen den Fingern zerrinnen." S.147

Dass Helen ihrem Mann nicht „alles“ aus ihrer Vergangenheit erzählt hat, wird spätestens bei der Begegnung mit Joe Mitchum, ihrem früheren Geschäftspartner klar, der in den Sümpfen von Louisiana lebt. Aber der heißt nicht mehr Joe Mitchum sondern nennt sich Joe Fontaineaux, ebenso wie Ferdinand nun Jeremy heißt. Joe Fontaineaux fährt mit ihm nicht nur hinaus in die Sümpfe, dort wo sich die Alligatoren sonnen, sondern erzählt ihm auch Einzelheiten aus dem Leben seiner Partner, die Lukas ebenso sehr die Angst den Rücken runter rinnen lassen wie die ruhenden Alligatoren.

"Die Wahrheit ist nicht immer eine gute Sache. Viele Leute wissen das nicht." Joe Fontaineaux in „Alles“, S. 203

Die Wahrheit kann sehr schmerzhaft sein

Aber Lukas lässt sich nicht abhalten, „alles“ zu erfahren. Es ist die große Erzählkunst von Moritz Hildt, einen Ton zwischen Lakonie und Lebhaftigkeit anzuschlagen. Das gelingt ihm, wie das den großen amerikanischen Autoren gelungen ist. Auch bei T. C. Boyle habe ich immer das Gefühl nicht vor den Seiten eines Buches zu sitzen, sondern mich mitten in der Geschichte zu befinden. Wo T. C. Boyle eher den barocken Schreibstil kultiviert, schreibt Moritz Hildt eher mit zartem Pinsel. Und doch folgt man ihm ebenso durch seine Story wie man T. C. Boyle durch seine wahnwitzigen Erzählprojekte folgt.

Schreiben und Musik

Der 1985 in Schorndorf geborene Autor Hildt wuchs zwischen Weinbergen und Pendlerzügen in Süddeutschland auf. Das er der amerikanischen Erzähltradition folgt, hängt sicher mit seinen langen Aufenthalten in New Orleans und den Südstaaten der USA zusammen. Aus den USA hat er auch seine Leidenschaft für das amerikanische Songwriting mitgebracht. Wir wollen hoffen, dass er noch viele Romane veröffentlichen wird. Bis es soweit ist, müssen wir uns mit dem Anhören von Americana-Musik begnügen oder seine Plattenkritiken auf Sounds & Books lesen.

Füge deine Bewertung hinzu

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.